Was Ärzte heute von der Niederlassung abschreckt, in die innere Emigration  oder den vorzeitigen Ruhestand treibt

Substitutionstherapie aus Mitteln der Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung


Die Kassen zahlen an die KV eine so genannte Morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV), mit der praktisch alle kurativen Leistungen der Ärzte pauschal bezahlt sind. Je mehr dieser Leistungen also abgerechnet werden, desto mehr Geld fließ aus diesem Topf ab und desto geringer ist der Preis der einzelnen Leistung. Es gibt gewisse Ausnahmen bei ambulanten Operationen, Psychotherapie, stationsersetzenden Leistungen u.ä.

Daneben zahlen die Kassen einzeln für bestimmte Leistungen wie z.B.  Prävention, also für Impfungen, Krebsfrüherkennung, Hautkrebsscreening, Gesundheitsuntersuchung, bei Kinder-Früherkennungsuntersuchungen auch für wegen der U1 oder U2 durchgeführte Hausbesuche (EBM 01721).

Neben der MGV wird auch die Substitutionsbehandlung Drogenabhängiger als Einzelleistung außerhalb der MGV von den Kassen bezahlt, aufgrund der Vorschrift des SGB-V, § 87a, Abs. 3, Satz 5: 

Von den Krankenkassen sind folgende Leistungen und Zuschläge außerhalb der nach Satz 1 vereinbarten Gesamtvergütungen mit den Preisen der regionalen Euro-Gebührenordnung nach Absatz 2 Satz 5 zu vergüten: 
1. Leistungen im Rahmen der Substitutionsbehandlung der Drogenabhängigkeit gemäß den Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses, …

Der gesetzlichen Vorschrift folgend, waren Besuche neben der Substitutionsleistung nur dann berechnungsfähig, wenn sie wegen einer außerhalb der Substitution liegenden Erkrankung notwendig waren. Diese Besuche wurden dann folgerichtig aus der MGV bezahlt, als Kosten der kurativen Krankenbehandlung. 

Von der breiten Vertragsärzteschaft völlig unbemerkt ist zum 1.10.2017 
durch Ergänzung zu einer Anmerkung zur EBM-Ziffer 01950 der EBM geändert worden. Nun können Besuche (EBM 01410 und 01413) auch dann neben der Substitutionsziffer abgerechnet werden, wenn der Besuch allein zur Verabreichung des Substitutionsmittels aufgesucht wird. Einzige Voraussetzung ist, dass der Patient einen Pflegegrad hat. In den Leistungslegenden der Ziffern 01410 und 01413 steht übrigens "Besuch eines Kranken, wegen der Erkrankung ausgeführt", was definitionsgemäß eben nicht das gleiche ist wie "Besuch eines Versicherten mit Pflegegrad".

So werden diese Besuche, die bei pflegebedürftigen Drogenabhängigen allein zur Vergabe des Substitutionsmittels erfolgen, aus der MGV, also von den Ärzten bezahlt. Korrekterweise hätte man im Substitutionskapitel des EBM eine neue Ziffer für solche Besuche schaffen müssen, die von den Kassen außerhalb der MGV bezahlt würde (so wie die Besuchsziffer zur Kinder-Früherkennung).       

So etwas ist Aufgabe des Bewertungsausschusses, der von Vertretern der Ärzte und der Krankenkassen gebildet wird. Dass Kassen zusätzliche Ausgaben scheuen, ist bekannt. Hier hätten die Ärztevertreter (KBV) m.E. aufpassen müssen und sich nicht von den Kassen über den Tisch ziehen lassen dürfen. Ich habe schon überlegt, ob es sich hierbei um den Straftatbestand der Untreue handeln könnte.

Spricht man die eigene KV darauf an, erhält man nicht etwa die Antwort, dass man das bei der KBV zur Sprache bringen und auf Änderung dringen werde. Nein, man negiert einen Handlungsbedarf, weil man das Honorarvolumen dieser Leistungen für gering hält. Allerdings werden auf Fortbildungen substituierende Ärzte auf die neue Abrechnungsmöglichkeit ausdrücklich hingewiesen, weil sich hier erkleckliche Zusatzhonorare generieren ließen. Die Abrechnungshäufigkeit dürfte also erheblich steigen. 

So etwas nenne ich jedenfalls Ärzte-Bashing durch die eigene Selbstverwaltung. 

Ich habe seitdem jeweils Widersprüche gegen meine Honorarbescheide eingelegt, mit der Begründung, dass mein Honorar durch die m.E. rechtswidrige Vergütung der Besuche von Pflegebedürftigen allein zur Substitutionsbehandlung aus der MGV gemindert worden sei.

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