Was Ärzte heute von der Niederlassung abschreckt, in die innere Emigration  oder den vorzeitigen Ruhestand treibt

Zwangsweise Schicksalsgemeinschaft


Die Krankenkassen zahlen an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) mit befreiender Wirkung eine so genannte "Morbiditätsbedingte Gesamtvergütung" (MGV). Mit der sind fast alle ambulanten ärztlichen Behandlungsleistungen (kurative Leistungen) an Kassenpatienten pauschal bezahlt, also die Leistungen der Hausärzte und Fachärzte, einschließlich der Leistungen der Notdienstpraxen, der Krankenhausambulanzen und der ermächtigten Krankenhausärzte. Die MGV ist gesetzlich vorgegeben, damit die Krankenkassen feste kalkulierbare Ausgaben für die kurative ärztliche Behandlung haben.  

Außerhalb der MGV zahlen die Kassen als Einzelleistungsvergütung vor allem die Richtlinien-Psychotherapie, Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen.  

Die Vertragsärzte reichen die Abrechnungen ihrer kurativen Leistungen bei der KV ein, die KV verteilt das Geld der MGV an die Ärzte. Jeder Vertragsarzt ist damit zwangsläufig Teil des Kollektivs aller Vertragsärzte dieser KV. 

Worauf der Patient Anspruch hat, steht hier: 

SGB-V, § 12, Abs. 1: Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen.

Das sind die WANZ-Kriterien (wirtschaftlich, ausreichend, notwendig, zweckmäßig). Die Grenzen sind dabei ziemlich fließend. Dem ungebremsten Anspruchsdenken der Patienten stehen dabei Ärzte gegenüber, die WANZ strenger handhaben, andere lascher. Manch ein Arzt macht fast alles in bester Gutmenschenmanier, ein anderer sichert sich juristisch mit Mehrleistungen in alle Richtungen ab, noch ein anderer erbringt beim  Patienten unnötige Leistungen, um sich im Ort einen Ruf als großzügig zu erarbeiten, damit die Fallzahl steigt. 

Im Ergebnis erhält der Patient sehr oft mehr als WANZ "auf Kasse". Das Geld kommt aber gar nicht von der Krankenkasse, sondern zu Lasten der anderen Ärzte aus der MGV. Die Krankenkasse kümmert das nicht. Sie hat ja "mit befreiender Wirkung" an die KV bezahlt.

Von den die Leistungslegenden sehr zum eigenen Vorteil dehnenden bis zu betrügerisch abrechnenden Kollegen habe ich dabei noch gar nicht gesprochen. 

Fakt ist, dass das eigene Honorar jedes Vertragsarztes ganz überwiegend von der häufig nicht gegebenen korrekten Abrechnung und der strikten Anwendung des WANZ-Prinzips im Zwangskollektiv abhängt. Der einzelne Arzt kann sich nicht dagegen wehren, dass er auf diese Weise deutlich weniger Honorar erhält als ihm zustünde.

Eine zunehmende Zahl von Ärzten will unter diesen Bedingungen nicht weiter arbeiten und gibt entweder die Zulassung zurück oder schließt die Praxis. Das verschärft den demographisch ohnehin kommenden Ärztemangel.