Was Ärzte heute von der Niederlassung abschreckt, in die innere Emigration  oder den vorzeitigen Ruhestand treibt

Leichenschau-Abrechnung  


Ein aktuelles, besonders eklatantes Beispiel für Ärzte-Bashing durch die Medien ist das Problem der Abrechnung einer ärztlichen Leichenschau. 

Hier findet m.E. gerade eine konzertierte Aktion von Medien, Bestatter-Verbänden und einer "Verbraucherinitiative Bestattungskultur" statt, wo Ärzteklatschen in höchster Vollendung betrieben wird:

DAS ERSTE: Teure Totenscheine - Wie Ärzte bei Trauernden abkassieren 

Focus.de: Abzocke bei Leichenschau

Verbraucherinitiative Bestattungskultur: Leichenschau, Hauptstreitpunkte

(un)zulässige Kosten der Leichenschau nach "Aeternitas" (PDF)


Wo liegt der Grund der Probleme? 
In der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ)!

Nach Auffassung des Bundesgesundheitsministeriums können neben der Leichenschau nach GOÄ-Ziffer 100 kein Besuch und keine Unzeitzuschläge abgerechnet werden. Nach Auffassung des Ministeriums soll die einfachste Form der Leichenschau (im Krankenhaus durch den vor Ort befindlichen Stationsarzt) gleich vergütet werden wie die wesentlich aufwendigere Form der Leichenschau, nämlich wenn der Arzt den Verstorbenen am Sterbeort, also in dessen Wohnung, im Hospiz oder im Altenheim aufsuchen muss, gegebenenfalls sogar am Wochenende oder in der Nacht.   

Das steht im Gegensatz zu der gesamten Struktur der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ), nämlich dass Zusatzleistungen immer auch zusätzlich vergütet werden. Neben der eigentlichen Leistung der Leichenschau müssen daher die notwendigen Nebenleistungen der Leichenschau, nämlich das Aufsuchen des Verstorbenen - und daneben natürlich Erschwerniszuschläge für die Nacht und das Wochenende - abrechenbar sein. Nur diese Abrechnungsweise wäre sachgerecht und nachvollziehbar. 

Das Bundesgesundheitsministerium verneint aber seit Jahren die Möglichkeit sowohl der Abrechnung des Besuches als auch der Unzeitzuschläge aus formalen Gründen, die in der Formulierung der GOÄ liegen, ohne aber den Ausschluss der Abrechnungsfähigkeit argumentativ zu begründen. Wir halten das für einen klaren handwerklichen Fehler bei der Erstellung der GOÄ im Jahre 1985. Das will das Ministerium bis heute nicht zugeben. 

Die Bundesärztekammer, die noch im Jahre 2000 die Auffassung vertreten hatte, neben der Ziffer 100 seien natürlich der Besuch und die Unzeitzuschläge abrechenbar, ist 2001 zurückgerudert.

in der Kammerversammlung der ÄK Nordrhein hatte ich am 19.11.2016 folgenden Antrag gestellt:

In der Diskussion zur Angemessenheit der Vergütung der ärztlichen Leichenschau wird die Ärztekammer Nordrhein künftig eindeutig auf den zugrundeliegenden Dissens zwischen der Ärzteschaft und dem Bundesgesundheitsministerium hinweisen und diesen erläutern.

Der Antrag wurde mit 52 (von insgesamt 99 abgegebenen) Stimmen aus den Reihen des Marburger Bundes und der VoxMed "beerdigt", indem man anstelle über ihn abzustimmen, ihn an den Vorstand überwies. Das zeigt, dass wir in der Kammerversammlung andere Mehrheiten brauchen, vgl. Kammerwahl in Nordrhein.  

Inzwischen ermitteln Staatsanwaltschaften wegen Betruges gegen Ärzte, die - von der Sache gerechtfertigte - Abrechnungen von Besuchsziffern und Unzeitzuschlägen vorgenommen haben, obwohl das nach Ansicht des Gesundheitsministeriums unzulässig ist:

Ärzte unter Betrugsverdacht: Regelmäßig zu viel abgerechnet?  


Auf der nächsten Seite beschreiben wir, wo die Probleme einer analogen Besuchsberechnung liegen.