Was Ärzte heute von der Niederlassung abschreckt, in die innere Emigration  oder den vorzeitigen Ruhestand treibt

Die "Lösung" des BMG


Sie können sich den Referenten-Entwurf des BMG hier ansehen, wenn Sie mögen (PDF, 11 Seiten). Auch wenn da auf Seite 5 zu lesen ist, der Bundesrat habe zugestimmt, so trifft das (noch) nicht zu. Man kann also noch was ändern. Die Bundesärztekammer will das vortragen. 

An Stelle der GOÄ-Ziffer 100 soll es ab 1.1.2020 zwei Ziffern geben: 

GOÄ 100 neu: Vorläufige Leichenschau mit Untersuchung eines Toten und Ausstellung einer vorläufigen Todesbescheinigung (Dauer mindestens 20 Minuten), gemäß landesrechtlicher Bestimmungen, gegebenenfalls einschließlich Aufsuchen, 

GAÄ 101 neu: Leichenschau und eingehende Untersuchung eines Toten sowie Ausstellung einer Todesbescheinigung, einschließlich Angaben zu Todesart und Todesursache (Dauer mindestens 45 Minuten), gemäß landesrechtlicher Bestimmungen, gegebenenfalls einschließlich Aufsuchen.

GOÄ 102 neu: Zuschlag zu den Leistungen nach den Nummern 100 oder 101 bei unbekannter Leiche und/oder besonderen Todesumständen (zusätzliche Dauer mindestens 10 Minuten).

Daneben sollen die Zuschläge F bis H abrechenbar sein.

Sie und wir erkennen sofort folgende Fehler:

1. Weiterhin ist ein Aufsuchen der Leiche nicht gesondert berechnungsfähig.

2. Es werden Mindestzeiten angegeben.

3. Auch ohne Besuch sind Besuchszuschläge abrechenbar.

In Deutschland sterben jährlich etwa 932.000 Menschen, davon 428.000 in Krankenhäusern (46 %), Zahlen für 2017. Der Krankenhausarzt ist vor Ort, kann die Leichenschau an seinem Arbeitsplatz während seiner bezahlten Arbeits- oder Bereitschaftszeit erledigen. Nichtärztliches medizinisches Hilfspersonal und in der Regel umfassende Patientenakten stehen zur Verfügung. Die Leichenschau ist vergleichsweise einfach.

Die anderen Leichenschauen (nach mir vorliegenden Erhebungen) finden in Pflege-/Senioreneinrichtungen statt (22%), beim Verstorbenen zu Hause (19%), im Hospiz (6%) statt. Hier ist immer ein Aufsuchen des Toten erforderlich. Jedenfalls bei zu Hause verstorbenen Personen steht dem Arzt kein medizinisches Hilfspersonal zur Verfügung. Die Licht- und sonstigen örtlichen Verhältnisse sind oft schlecht. Die Gleichbewertung der mit wenig Aufwand verbundenen Leichenschau im Krankenhaus zu der unter erschwerten Bedingungen auswärts ist in keiner Weise gerechtfertigt oder auch nur nachvollziehbar.

Leichenschauen können einfach (bekannter Patient, erwarteter Tod, alle Unterlagen zur Verfügung) oder schwierig sein. Vielleicht kann man eine Durchschnittszeit errechnen. Die Angabe einer Mindestzeit ist jedenfalls nicht sachgerecht. Es droht eine erneute Kriminalisierung des Arztes, wenn z.B. der Hausarzt bei einem Heim- oder Hospizpatienten, den er palliativmedizinisch betreut hat, den erwarteten Tod feststellt. Soll er dort die geforderten 45 Minuten warten, die er gar nicht benötigt (andere Patienten warten)? Wartet er nicht, soll bei einer Leichenschau-Dauer von unter 45 Minuten gar nichts abrechnen können.         

Der Referentenentwurf lässt keinerlei Sachkenntnis erkennen. Die neuen Honorare begünstigen die Krankenhausträger, die bei geringstmöglichem Aufwand gegenüber den Angehörigen hohe Beträge abrechnen können (mit Unzeitzuschlägen für Besuche, obwohl keine Besuche gemacht wurden). Sie benachteiligen niedergelassene Ärzte, weil diese die Leichenschau mit weit höherem Aufwand unter erschwerten Bedingungen zum gleichen Honorar durchführen müssen. 

Unsere Lösung: Aufspaltung der Ziffern 100 und 101 in den Teil der eigentlichen Leichenschau mit Untersuchung und Leichenschauschein und den anderen Teil, das Aufsuchen der Leiche. Im Krankenhaus wären dazu die Unzeitzuschläge A bis E, beim Aufsuchen die Zuschläge F bis H und Wegegeld. 

Diese Lösung entspräche der Lebenswirklichkeit und der übrigen Struktur aller Gebührenordnungen: Zusätzlicher Aufwand (hier Aufsuchen) bedingt zusätzliches Honorar. Dafür setzen wir uns ein und haben Herrn Bundesgesundheitsminister Spahn, sowie dem Präsidenten und dem Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer einem Brief geschrieben. 

Nur zum Vergleich: Im ärztlichen Notdienst sieht der EBM (die Gebührenordnung für Kassenpatienten) z.B. sonntags in der Notdienstpraxis eine Notdienstpauschale 01212 für 21,10 € vor. Und zusätzlich, wenn ein Besuch erfolgt, die Notdienst-Besuchspauschale 01418 für 84,20 €. Insgesamt sind das beim zeitaufwendigen Besuch 106,30 €. Da stimmen die Relationen, was Zeitaufwand und Honorar betrifft.