Was Ärzte heute von der Niederlassung abschreckt, in die innere Emigration  oder den vorzeitigen Ruhestand treibt

Warten auf Arzttermine


Am 11. Mai 2019 ist das Terminservice-Gesetz (TSVG) in Kraft getreten. Als Grund gibt der Gesetzgeber die Benachteiligung der Kassen bei der Terminvergabe in Praxen an. Außerdem werden die Ärzte per Gesetz  gezwungen, mehr Sprechstunden anzubieten (25 statt bisher 20).

Ärzte-Bashing in Perfektion: die faulen Ärzte wollen für Kassenpatienten nicht arbeiten, bevorzugen wegen höherer Honorare Privatpatienten.

Die Wahrheit ist: Die Ärzte sind bei der Behandlung von Kassenpatienten vielfachen Beschränkungen unterworfen: Die Zahl der Kassenpatienten, für die Honorar gezahlt wird, ist begrenzt. Bei Fachärzten richtet sie sich nach der Zahl der im Vorjahresquartal behandelten Patienten. Wird diese überschritten, erfolgt entweder gar keine Bezahlung für die zusätzlichen Patienten oder aber eine drastisch (um 80-90 Prozent) reduzierte. 

Außerdem wird geprüft, ob die Abrechnung des Arztes plausibel ist. Jede Leistung ist mit einer Normzahl von Minuten hinterlegt, die aber oft nicht benötigt wird. Gut und schnell arbeitende Ärzte kommen so in die Prüfung, weil sie das ihnen zugestandene Zeit-Limit überschreiten. Die Folge sind teils drastische Honorar-Rückforderungen der Kassenärztlichen Vereinigung.

Bei Privatpatienten dagegen gibt es keine Limits, weder bei der Zahl der bezahlten Fälle, noch bei der Zahl der erbrachten Leistungen. Zusätzliche Kassenpatienten bedeuten daher zusätzliche Kosten und zusätzlichen Zeitaufwand ohne zusätzlichen Ertrag. 

Der Staat könnte das ändern, etwa durch Aufhebung der leistungsfeindlichen Beschränkungen oder durch eine Eingrenzung des übermäßigen Inanspruchnahme-Verhaltens der Versicherten, von denen nicht wenige in einer Art Freibier-Mentalität Behandlungsressourcen in Anspruch nehmen, die ernsthaft Kranken dann fehlt. 

Aber letzteres kostet vielleicht Wählerstimmen, ersteres wollen die Krankenkassen nicht, die mit einer an die KV bezahlten Gesamtvergütung mit befreiender Wirkung billiger wegkommen.   

Das Termin-Service-Gesetz löst keine Probleme, im Gegenteil: es schafft welche. Die im Gesetz vorgesehene Begünstigung neuer Patienten bei der Terminvergabe geht zu Lasten der chronisch kranken Stammpatienten einer Praxis, denn jeder Termin kann nur ein Mal vergeben werden. Termine für neue Patienten fehlen den Bestandspatienten. 

Im Ergebnis wird ein langjähriges, gewachsenes Vertrauensverhältnis zwischen dem chronisch kranken Patienten und seinem Arzt unterminiert bzw. zerstört. Das passt zur langjährigen Übung einer ärztefeindlichen Politik.